Die Neue Nationalgalerie – Wiederöffnung einer Ikone

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Berlin ist weder besonders reich noch nach objektiven Maßstäben besonders hübsch sein. Trotzdem ist die neben Städten wie München oder Hamburg wie einziges Provisorium wirkende Stadt das kulturelle Zentrum Deutschlands. Seinen ganz eigenen Beitrag dazu leistet eines der ikonischsten und wenigen wahrhaftig schönen Gebäude Berlins: die Neue Nationalgalerie. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass Besucher das Museum moderner Kunst in Deutschland schlechthin betreten durften. Anlässlich der mit Spannung erwarteten Wiedereröffnung haben wir vorab einen Blick auf das Ergebnis der Renovierungsarbeiten riskiert. Alles wie immer oder alles neu?

Kunst für Kunst

Mies van der Rohes ikonisches Meisterwerk, flankiert von Sharouns Philharmonie und Bibliothek, ist das älteste Museum und gleichzeitig das Herzstück des Kulturforums am Potsdamer Platz. Es wirkt auch über 50 Jahre nach seiner Fertigstellung im Jahre 1968 wie ein modernes Kunstwerk für sich. Der im Stil der klassischen Moderne gehaltene Bau wirkt, als sei er mit seinem Zweck eine symbiotische Verbindung eingegangen.

 

Warum die Neue Nationalgalerie besonders ist

Von außen ist lediglich die Haupthalle des auf einer leicht abfallenden Anhöhe gelegenen Baus zu sehen. Umrahmt wird er von großflächigen Terrassen. Die imposanten Maße des Baus werden fast vollständig durch die Leichtigkeit des geschickten Designs negiert. Da nur die Haupthalle zu sehen ist, die ihrerseits wiederum nur aus Glasfronten zu bestehen scheint, wirkt das Gebäude trotz seiner Höhe flach, als würde es sich an das Gelände anschmiegen. Dieser Effekt wird durch das große, sich über die Fensterfronten erstreckende, sacht gewölbte Flachdach noch verstärkt. Die fehlenden Wände lassen den Bau fast transparent erscheinen.

Zweifellos ein Ort der Gemeinschaft, der Offenheit und vor allem der Vielfältigkeit der Perspektiven – im wahrsten Sinne des Wortes. An der Neuen Nationalgalerie ist nichts Pompöses oder Protziges. Sie ist kein Kunsttempel, dem man den Wunsch nach Außen- oder Strahlwirkung ansieht. Es ist eines dieser ruhigen, offenen und würdevollen Bauwerke, die spielerisch besonders sind.

So wurde die renoviert

Die aus riesigen durchgängigen Glasplatten bestehenden Fensterfronten haben in den letzten 50 Jahren durch Unwetter und Materialausdehnung Risse bekommen. Die Technik ist veraltet und die Bausubstanz hat gelitten. Die Zeit für eine Generalüberholung war 2015 gekommen. Mit David Chipperfield hat sich ein Grande zeitgenössischer Architektur dem Projekt angenommen. Seine Vision war es, das Gebäude so originalgetreu wie nur irgend möglich instand zu setzen. Freunde des Gebäudes können aufatmen. Bis auf Details sieht die Neue Nationalgalerie fast so aus wie vor der Renovierung.

Die Fassade

Dafür wurden keine Mühen gescheut. Vor allem, was die Glasfassade anging. Das mehr als 1200 Tonnen schwere Dach wird lediglich von 8 Stahlträgern gehalten, zwischen denen Glasplatten eingepasst wurden. Die riesigen Glasplatten, die als Einzelanfertigungen reproduziert werden mussten, konnten nur noch von einer einzigen Firma weltweit hergestellt werden. Aufgrund der außergewöhnlichen Maße gestaltete sich schon der Transport der Glasfassade von China nach Berlin zu einem logistischen Husarenstück. Um die Glasfarbe der Originalscheiben bestmöglich zu treffen, wurden sie sogar in ihrer stofflichen Zusammensetzung analysiert.

 

Die Ausstellungsräume

In der oberen Haupthalle, die früher die temporäre Ausstellung beheimatete, stechen die deckenhohen, grünen, quaderförmigen Tinosmarmorsäulen hervor, die als Technikschächte dienen. Im zentralen Versammlungs- und Kassenraum gibt es jetzt zwei sich gegenüberliegende Counter an den Enden des Raums, zwischen denen sich ein Treffpunkt beziehungsweise eine Sitzfläche, natürlich ausgestattet mit Barcelona-Sesseln und Hockern befindet.

Die Ausstellungsräume sind so licht und zurückhaltend wie eh und je. Die perfekte Projektionsfläche für große Kunst. Selbst die in einem hellen Taupe gehaltene Teppichfarbe gibt sich so unauffällig wie möglich und ist dem Granitbelag der Terrasse angeglichen. Bis zum Ausstellungsbeginn am 21. August wieder hergerichtet und auch endlich wieder begehbar wird die sich im lower Level befindliche Terrasse sein. Selbst die Toiletten wurden dem Vorbild des Originals nachgebaut.

 

Das sind die Neuerungen

Optische Neuerungen halten die Umkleide und der Shop: Hier wurde mit Sichtbeton gearbeitet. Die wabenförmige Decke beeindruckt und erinnert in Kombination mit dem dunklen Holz der Tresen und der Schließfächer an Konzert- und Schwimmhallen vergangener Zeiten. Der Shop befindet sich nun gegenüber des Cafés, dort, wo sich früher das nicht zugängliche Figurendepot befand. Neben der neuen Technik gibt es jetzt auch einen Personenaufzug. Von der Renovierung des Cafés konnten wir uns noch kein eingehendes Bild machen. Hier stehen bis zur Öffnung noch einige Arbeiten an. Lichtskulpturen, 3-D-Fliesen und ein florales Motiv sollen den International Style im Geiste Mies‘ hier wiederauferstehen lassen. Für das Konzept zeigt sich der Künstler Jorge Pardo verantwortlich. Wir sind gespannt und freuen uns auf den offiziellen Ausstellungsbeginn.



LETZTES UPDATE: 15.August 2021 von